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Die Toteninsel by Ch.Günther

Die dunklen Mauern der Feste von Varlgarth reckten sich noch immer trutzig in den blutroten Abendhimmel, und doch waren sie eigentlich längst verloren.
Der Boden war übersät mit toten Leibern, sowohl von den tapferen Menschen, die bei der Verteidigung der alten Zwergenbinge gefallen waren, als auch von den seelenlosen Chaoskriegern, die dem Ruf des schwarzen Kristalls folgten bis in den Tod. Ihr Ansturm hatte Tage angedauert, bis sie es endlich geschafft hatten, Teile der äußeren Mauern einzureißen und in das Innere der Gebirgsfestung vorzudringen. Jetzt standen alle Gebäude in Flammen und füllten das diffuse Licht der hereinbrechenden Nacht mit wild zuckenden Schattenspielen. Hier draußen war der Kampfeslärm längst abgeebbt, da die Überreste der Streitmacht der Invasoren bereits in das Herz der Festung vorgedrungen waren, welches sich im Inneren des Berges befand.
Gnadenlos arbeiteten sich die wilden Krieger durch die düsteren Gänge vor, welche sie zu ihrem Ziel führen sollten: Die Schmiede der Sonne, welche sich in einem Krater nahe dem Gipfel des Berges befand.

Dort herrschte eine deutlich spürbare Anspannung, als das letzte Aufgebot der Menschen sich sammelte, um gemeinsam zu siegen oder unterzugehen. Die Schmiede lag inmitten einer zerklüfteten Formation aus Felsen, die kreisförmig aufragten. Die sinkende Sonne sandte ihre letzten rotgleißenden Strahlen zwischen den Säulen hindurch. In der Mitte der runden Fläche gähnte ein mehrere Schritt durchmessendes Loch im Boden, aus welchem eine enorme Hitze emporstieg, die jeden versengte, der mutig genug war, sich über die Öffnung zu beugen. Den Atem des Berges nannten sie diese Hitze, in der sich Waffen schmieden ließen, die härter waren als alles, was die besten Schmiede südlich der Chaos-Wüsten jemals zustande gebracht hätten. In der Mitte der Öffnung befand sich, auf einem metallenen Gestell befestigt, ein Splitter des dunklen Kristalls, welchen die Feinde von Varlgarth so verehrten. Dieser Splitter hatte es den Menschen ermöglicht, die Pläne ihrer Feinde mehrfach zu durchkreuzen und ihre Magier gegen die dunklen Mächte einzusetzen. Jetzt waren beide Parteien fast völlig aufgerieben, doch wer würde am Ende den Sieg davontragen? Elf Mann und vier Frauen waren hier oben verblieben, um mit aller Bitterkeit das Schlachtenglück doch noch auf ihre Seite zu zwingen.
Unter ihnen war auch Nergal, ein verbitterter junger Mann, der den Jüngern des Kristalls den ewigen Krieg geschworen hatte, nachdem diese ihm seine Familie und alles, was ihm heilig war, genommen hatten. Noch am Totenbett seines Bruders hatte er geschworen, nicht eher zu ruhen, als daß nicht auch der letzte seiner Feinde seinen Atem aushauchte.

Er sah sie kommen.

Es waren viel mehr, als sie erwartet hätten. Die Fallen und Hinterhalte in den Gängen hätten eigentlich viel mehr Opfer fordern müssen, als sie es offenbar getan hatten. Dafür gab es nur eine Erklärung: Verrat! Doch darüber nachzudenken, dafür hatte Nergal keine Zeit mehr. Die Krieger leisteten tapferen Widerstand gegen die anstürmende Horde und es gelang ihnen, Dutzende der Tiermenschen niederzuschlagen, bevor der Erste aus ihren Reihen fiel.
Nergal schlug auf die Feinde ein, bis seine Arme erlahmten und er jegliches Zeitgefühl verlor. Er blutete aus Dutzenden von kleinen Wunden und seine Sicht verschwamm. Da traf ihn ein überraschender Schlag brutal an der Hüfte. Er verlor das Gleichgewicht und stolperte, stürzte rücklings.
Er spürte die sengende Hitze kaum, als er hinabstürzte in die dunkle Tiefe des Berges. Er sah nur noch, daß er das Metallgestell mit dem Kristallsplitter im Fallen mit in die Tiefe gerissen hatte.
Mit grimmiger Entschlossenheit verfluchte er die Chaos-Krieger, bevor ihm schwarz vor Augen wurde und er das Bewußtsein verlor, seinem sicheren Tod entgegenstürzend.

Stille.

Nebel umfing ihn, als er erwachte.
Wabernd graue Schleier zogen vor seinen Augen entlang, als er diese vorsichtig öffnete. Er versuchte, sich zu bewegen. Dies gelang ihm, obgleich er seinen Körper nicht spürte. Er spürte seine Wunden nicht, auch seine Erschöpfung schien verflogen. Stattdessen hatte eine seltsame Kälte von ihm Besitz ergriffen. Doch auch den aschfarbenen Sand unter seinem Körper konnte er nicht fühlen, ebensowenig wie die Feuchtigkeit der nebelgeschwängerten Luft.
Geisterhaft richtete er sich auf und sah sich um. Rechts und links von sich erkannte er einen grauen Strand, an den die schwachen Wellen eines blaßblauen Gewässers lappten. Hinter seinem Rücken sah er nichts als Dunkelheit, eine absolute Finsternis, die scheinbar alles Licht verschluckte. Über dem Wasser schwebten schwere Nebelbänke, und auch der Himmel über ihm schien von einer ewigen, grauen Wolkendecke verhangen zu sein.
Die einzige Kontur, die er in seinem Blickfeld erkennen konnte, war die eines schmalen, langen Bootes, welches halb auf den Strand gezogen war und in dem eine dürre Gestalt in einem dunklen Umhang hockte. Instinktiv wandte er sich dem Boot zu und schritt in dessen Richtung.
Als er ging, bemerkte er, daß er das Plätschern der Wellen am Strand hören konnte, und auch das Knirschen des Sandes unter seinen Stiefeln drang an sein Ohr. Doch fühlen konnte er noch immer nichts, die seltsame Kälte hinderte ihn daran.
Den Kopf voll von verwirrten Gedanken, trat er neben das Boot. Als die Gestalt, die darin kauerte, ihn offenbar bemerkte, stand sie auf und sah ihn aus der grinsenden Fratze eines blanken, weißen Totenschädels an. Sie war in einen langen, grauen Umhang gehüllt, der den Blick auf nichts anderes als das Gesicht freigab. Nergal erschauerte, als er diesem Anblick gegenüberstand.
Die Gestalt im Boot hielt einen langen Stab in ihrer rechten Hand, welcher offensichtlich zum Staken des Bootes gedacht war. Wortlos hob der Fährmann die knöcherne linke Hand, welche aus dem Ärmel der Robe hervorglitt, und bedeutete Nergal, in das Boot zu steigen.
Im Kopf des Kriegers rasten die Gedanken, wilde Ideen und Gebilde türmten sich auf, verwirbelten und fielen wieder in sich zusammen, bis nur noch ein Gedanke übrigblieb.
Er mußte tot sein.
Es schien sein Schicksal zu sein, zu sterben, bevor er seinen Schwur eingelöst hatte. Und er hatte gelernt, sein Schicksal zu akzeptieren. Doch was geschah jetzt mit ihm?
Mit einem dumpfen Geräusch, als seine Stiefel auf dem Boden des Bootes aufschlugen, stieg er ein. Einen Moment lang kam es ihm so vor, als wäre das Grinsen des Fährmannes breiter geworden, doch er wußte, daß dies nur seine Einbildung war. Er hoffte es zumindest.
Mit Schrecken bemerkte er dann jedoch, daß das Boot nicht aus Holz gemacht war, wie er zunächst gedacht hatte, sondern aus Knochen geschnitzt. Am Bug ragten mehrere menschliche Rückgrate auf, welche einen einzelnen, relativ großen Schädel trugen. Abgesehen von dieser bizarren Galionsfigur war das Boot frei von irgendwelchen morbiden Verzierungen.
Was auch immer nun geschah, wo auch immer ihn der Fährmann nun hinbrächte, Nergal wußte, daß er nur eines tun konnte: Warten.
Ein Ruck ging durch den Rumpf, als dieser vom Strand rutschte und auf das Wasser hinaustrieb. Der Fährmann begann gemächlich, mit seinem Stab das Boot über die trüben Fluten zu treiben.

Als sich bereits eine gewisse Benommenheit in Nergals Kopf breitmachte, da sie in langsamer Geschwindigkeit durch endlose, wirbelnde Nebelwände fuhren, wurde die blanke Monotonie jäh unterbrochen.
Plötzlich zerrissen die Dunstschleier und vor dem Bug des Bootes ragten schwarz die steilen Klippen einer kleinen Insel auf. Als sie näherkamen, konnte Nergal eine schmale Bucht ausmachen, die geschützt zwischen den hohen Klippen dalag. Genau auf diese Bucht hielt das Boot zu, in dem er saß.
Als sie die Felsen passierten und in die Schlucht dazwischen einfuhren, erblickte Nergal einen schneeweißen Strand, der sich vor ihnen ausbreitete. Er war etwa zwanzig Schritt breit und maß bestimmt fünfzig Schritt in der Tiefe, wobei er von den turmhohen Klippen eingeschlossen war. Es gab nur den Weg hinein, den sie gekommen waren. Abgesehen von dem groben, weißen Sand war das Tal völlig leer.
Mit einem scheuernden Geräusch setzte das Boot langsam am Ufer auf. Nergal zögerte einen Moment. Als er sich zu seinem Begleiter umsah, hob dieser nur seine Hand und deutete auf den Strand.
Nergal wandte sich wieder um und sah forschend an den Klippen entlang. Er entdeckte eine seltsame Kontur an der gegenüberliegenden Seite. Scheinbar hatte der Fährmann darauf gedeutet.
War dies das Tor zur Unterwelt? Das Ziel dieser bizarren Reise? Sein Schicksal?
Aber...
Wenn er vielleicht den Fährmann...
Ein gezielter Schlag...
Mit dem Boot zurück...
In die Finsternis...
Nein, es war ein schlechter Plan, der sich da verführerisch in seinen Geist schlich.
Er stieg aus. Mit langsamen, unsicheren Schritten ging er auf das Portal zu, ohne sich noch einmal umzusehen. Er blickte nach oben, um zu ermessen, wie hoch die schwarzen Klippen wohl sein mochten, doch die allgegenwärtigen Nebel über ihm verschluckten seine Blicke.
Als er langsam auf die Felswand zutrat, konnte er nach und nach die Kontur im Stein erkennen. Es war ein großes Portal, im Stile der Morr-Tempel, die er aus vielen Städten kannte. Dahinter verbarg eine tiefe Schwärze alles, was dort sein würde.
Plötzlich erfüllte ein Krächzen die Luft. Es klang nach Vögeln, und als Nergal aufsah, konnte er einen Schwarm von Raben erkennen, die Kreise über der Schlucht zogen und sich allmählich dem Boden näherten. Sie landeten etwa zehn Schritt von ihm entfernt.
Verschwammen.
Vermischten sich.
Verwischten.
Schrumpften.
Wuchsen.
Veränderten sich.
Verwandelten sich.
In einen Mann.
Er stand auf. Er trug einen langen Umhang, der aus glänzenden, schwarzen Rabenfedern bestand und hatte ein hageres, blasses Gesicht mit tiefliegenden Augenhöhlen.
Mit einem Lächeln sah er Nergal an.
"Seid willkommen, Freund" sagte er mit einer kehligen Stimme.
Nergal war völlig verblüfft und brachte nur ein gestammeltes "Wo...bin...ich" hervor.
"An der Schwelle zum Tod" erwiderte der Mann freundlich. "Du bist gestorben, da wo Du herkommst. Um einzufahren in Morrs Hallen."
"Das darf nicht sein" brach es unwirsch aus Nergal hervor.
"Warum?" fragte der Mann unbeirrt. Seine Augen musterten den geschundenen Krieger interessiert. "Der Tod ist endgültig. Unwiderruflich. Doch ich spüre eine große Kraft in Dir. Einen starken Willen. Und großen Schmerz. Erzähle mir Dein Leben."

Und Nergal erzählte wie selbstverständlich. Die Männer setzten sich wie zwei alte Freunde in den weißen Sand und Nergal beschrieb, was ihm alles widerfahren war.
Dieser Mann mußte eine Manifestation von Morr sein, war sich Nergal sicher. Und dies war seine letzte Chance, seinen Eid zu erfüllen.
Ein Blick zur Seite verriet ihm, daß der Fährmann am Ufer wartete. Er schien sich während der Zeit, in der er erzählte, nicht ein einziges Mal zu bewegen. Ein gutes Zeichen? Nergal konnte es nicht deuten.

Als der Krieger seine tragische Geschichte beendet hatte, merkte er, daß die seltsame Kälte langsam von ihm zurückwich und er wieder zu fühlen begann. Er spürte die heißen Tränen, die sein Gesicht hinunterliefen, spürte das verkrustete Blut an seinen Wunden und fühlte sein rasendes Herz in der Brust hämmern.

"Du hast recht. Es ist wirklich noch nicht Deine Zeit. Ich werde Dir die Zeit gewähren, die Du brauchst, um Deiner Seele Ruhe zu gönnen. Gehe zurück in Deine Welt und erfülle Dein Schicksal. Dann wirst Du wiederkehren und ich nehme Dich zu mir. Aber erst dann. Doch Du mußt mein Zeichen tragen in jener Welt und in seinem Namen streiten. Man wird Dich als Todgeweihten erkennen, doch dies wird Dich nur noch stärker machen. Sorge dafür, daß Dein Name und der meine in die Herzen der Menschen geschrieben werden. Und wage es nicht, Zeit zu vergeuden. Verfolge Dein Ziel und vernichte es. Versuche nicht, mich zu überlisten, um Deine Zeit in jener Welt zu verlängern. Sei zielstrebig. Und jetzt gehe."

Mit diesen Worten legte sich der Mann in den Sand. Er schien wieder zu zerfließen und verwandelte sich zurück in den Rabenschwarm, als der er erschienen war. Die Raben flogen auf und verschwanden im Nebel über den Klippen.
Nergal kehrte zum Boot zurück und ließ sich vom Fährmann über das Wasser zum anderen Ufer bringen. Dort sah er, daß die Dunkelheit gewichen war. Er wanderte in ein gleißendes Licht, welches ihn herumwirbelte und urplötzlich erlosch.
Er lag in einer Höhle. Brandgeruch stieg ihm in die Nase, als er sich aufrichtete. Er trat hinaus in den Burghof und sah über das Schlachtfeld, welches tot und verlassen dalag. Er würde seine Rache nehmen. Doch das ist eine andere Geschichte.
Christian Günther, 02.07.1998

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